Interviews

mit Franka Potente | mit Max Urlacher | mit Frank Griebe


Wie früh waren Sie in die Arbeit an DER DIE TOLLKIRSCHE AUSGRÄBT mit einbezogen?
Das war schon sehr früh: Franka Potente hat mir das Script vor ziemlich genau einem Jahr geschickt und gesagt, dass sie den Film schwarzweiß und stumm drehen möchte. Wir haben uns dann immer wieder zusammengesetzt, über das Buch geredet und Filme angeschaut.

Wie haben Sie es empfunden, alle Errungenschaften der modernen Kameratechnik des 21. Jahrhunderts hinter sich zu lassen, und einen Stummfilm zu drehen, der im Jahr 1918 spielt?
Das Interessante an diesem Projekt ist, dass es eine Symbiose ist zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wir haben durchaus moderne Mittel eingesetzt, um den Stil von damals herzustellen, beispielsweise in der Postproduktion. Zur Vorbereitung haben wir uns sehr viele Stummfilme angeschaut, um herauszufinden, was diese Zeit ausmacht – über das Schwarzweiß und die Geschwindigkeit der Bewegungen hinaus. Da sind uns sehr viel Sachen aufgefallen, die Filmsprache ist ganz anders als heute, die Perspektive auf die Handlung hat Bühnencharakter mit sehr statischen Aufnahmen, man folgt den Schauspielern nicht, sondern springt höchstens mal näher heran. Hin und wieder muss man sich da auch wirklich überwinden, weil vieles den Sehgewohnheiten von heute widerspricht. Das ist eine interessante Spannung.

Das klingt nicht so, als hätten sie das als Verlust empfunden?
Überhaupt nicht, das Projekt war ja auch von vorneherein so angelegt, dass es den modernen Aspekt auch innerhalb der Geschichte gab, verkörpert durch den Punk. Und es war toll, diese alten Filme, die ich etwa zwanzig Jahre nicht mehr gesehen habe, jetzt mit ganz anderen Augen anzuschauen, um bestimmte Techniken zu lernen. Das waren echte Entdeckungen und ich habe das als schöne Herausforderung gesehen. Es ist interessant, wie langsam und geradlinig die Filme erzählt sind, mit sehr wenigen Schnitten, ganz bewusst eingesetzten Großaufnahmen und schwarzen Kreisblenden, wenn man irgendetwas betonen will. Das sind ja auch Mittel, die heute noch immer verwendet werden.

Worin hat sich diese Arbeit von anderen Kameraarbeiten noch unterschieden?
Wenn man wie in DER DIE TOLLKIRSCHE AUSGRÄBT nur einen Kamerastandpunkt hat, entspricht das im Grunde einer Bühnensituation. Statt eine Szene in viele Einstellungen aufzulösen, müssen die Bewegungen vor der Kamera choreographiert werden. Auch die Beleuchtungstechnik ist ganz anders, wir haben Tests mit den Farben der Kostüme und der Ausstattung gemacht, damit hinterher im Bild unterschiedliche Graustufen und gute Kontraste zu sehen sind. Wenn der Schauspieler einen grünen Anzug trägt, muss die Wand vielleicht blau sein, damit das hinterher nicht einfach eine graue Suppe wird. Das sind ganz andere Fragestellungen als bei einem Farbfilm, das hat mich sehr gereizt.

Welche Filme waren Ihre wichtigste Inspirationsquelle?
Besonders interessant waren für mich die Anfänge des Films, zum Beispiel das unglaublich phantasievolle Gestalten in den Filmen von Georges Méliès. Wir haben viele Filme von Chaplin angeschaut und natürlich Filme wie F. W. Murnaus Nosferatu oder Fritz Langs Die Nibelungen. Es hat großen Spaß gemacht, zu sehen wie toll diese Filme gemacht sind, wie stark sich die Filmtechnik zum Ende der Stummfilmzeit verändert und verbessert hat und auch das Filmmaterial immer brillanter wurde. Das Tolle an diesem Beruf ist, dass man einen Schatz von über 100 Jahren Film hat, aus dem man schöpfen kann.

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