Tollkirsche – der Film


“Der die Tollkirsche ausgräbt”

Franka Potentes 43-minütiges Regiedebüt ist eine eindrucksvolle und gewagte Referenz an die wohl einflussreichste Ära der deutschen Filmgeschichte: den Stummfilm. “Der die Tollkirsche ausgräbt” ist eine deutsche Produktion, bei der die inzwischen auch international sehr gut etablierte Franka Potente ihr Regiedebüt gab. Die Besonderheiten des Spielfilms aus dem Jahr 2006 sind dabei noch nicht einmal in dem offensichtlich “Andersartigem” im Vergleich zu herkömmlichen Produktionen zu suchen – es ist nämlich fast ein Stummfilm, der auch noch in Schwarz-Weiß gedreht wurde. So ist auch die Handlung selbst eine geniale Idee, auf charmante Weise modernes Leben mit der Stummfilmära zu verbinden. Der wahre Geniestreich jedoch bedient den Intellekt: eine geschichtliche Verquickung vom untergehenden wilhelminischen Kaiserreich, aus der sich die demokratische Weimarer Republik emporhebt mit der fast schon anarchischen Perspektive eines Punks aus dem Hier und Jetzt.

“Der die Tollkirsche ausgräbt” Filmplakat

1918 zur Geburtsstunde der Weimarer Republik Es ist das Jahr 1918. Der Kaiser muss gehen, die aus der Novemberrevolution geborene Republik tritt an seine Stelle. Cecilie (Emilia Sparagna), die im herrschaftlichen Landhaus ihres verarmten Vaters (Justus von Dohnányi) in den Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit mit Alfred (Max Urlacher) steckt, weiß, dass es bei dieser geplanten Vermählung auch um das Geld von Alfred geht. Während nun also die letzten Vorbereitungen getroffen werden sollen, entdecken die Protagonisten etwas mumienhaftes, in Stoff Eingewickeltes. Für die Kommunikation bis hierher dienen wie bei einem echten Stummfilm aus jener Zeit üblich die übertriebene Mimik und Untertitel. Bei der genaueren Untersuchung kommt aus dem Stoffgewirr plötzlich ein Mensch hervor. Doch es ist nicht irgendein Mensch, sondern ein Punk (Christoph Bach) aus der Zukunft. Und wie es sich für einen Menschen aus der heutigen Zeit gehört, kann der natürlich sprechen. Nur dass er eben auch die schrägen Ansichten eines Punks hat.

Punk trifft auf Stummfilm und Preußen Für Cecilie, die sich ja nur mittels Gestik und Untertiteln äußern kann, ist der Fremde natürlich sofort etwas ganz Besonderes. So geschieht, was geschehen muss – die beiden, also Cecilie und der Punk, verlieben sich ineinander. Dabei sind sich die Beteiligten in keinster Weise sicher, was dieser Punk nun ist. Er kann sprechen, kann Geräusche von sich geben und ist so ganz anders wie die Stummfilmakteure aus ihrer Zeit. Der Glaube an Geister und Mystik entfacht daher sehr schnell. Die besondere Vorstellungskraft, so wie sich auch Franke Potente zu der Umsetzung des Themas geäußert hat, besitzt ihren ganz besonderen Reiz nicht nur in dem Umstand “echte Stummfilm-Akteure treffen auf einen sprechenden Menschen”. Vielmehr ist es das Wesen eines Punks, eine mögliche Entstehung aus Demokratie zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt, der das preußisch akkurate und von Reglements befüllte Leben völlig auf den Kopf stellt. Hier ist auch die besondere Magie des Streifens zu suchen.

Bizarr, genial, außergewöhnlich – das Regiedebüt von Franka Potente Zwar sind sich die Kritiker nicht immer über die Qualität des Films einig, dennoch dürfte klar sein, dass dieser Film in mehrfacher Hinsicht genial und ein Muss für Cineasten ist. Das Thema, die politische Verschmelzung preußisch-kaiserlich zu demokratisch mit der anarchischen Weltanschauung eines Punks. Dazu der Umstand, dass die Stummfilm-Charaktere tatsächlich stumm sind und auf einen Menschen treffen, der sprechen kann. Das alles ist eine grandiose Idee, die sich Franka Potente in dem ebenfalls von ihr geschriebenen Drehbuch hat einfallen lassen. Franka Potente selbst war übrigens zuletzt in großen Kinofilmen wie “Die Bourne Identität”, “Die Bourne Verschwörung” oder “Che – Guerrilla”, aber auch in internationalen Serien wie “Dr. House” oder “American Horror Story – die dunkle Seite in dir” zu sehen. Fazit: das ist einmal eine Erstlingsregiearbeit, die einfach genial anders ist.

Die Darsteller Darsteller Emilia Sparagna (Cecilie), Christoph Bach (Punk), Justus von Dohnanyi (Vater), Max Urlacher (Alfred), Teresa Harder (Mutter), Regine Zimmermann (Köchin/Hausmädchen), Alexander Seidel (Theo), Stefan Arndt (Pfarrer)